Ein Plädoyer für schöpferische Zerstörung

Hört auf, euch mit Prozessen zu beschäftigen! Sich mit Prozessen zu beschäftigen heißt, sich hypothetischen Problemen zuzuwenden. Heißt, Zeit zu verlieren, die auf die Lösung realer Probleme verwendet werden könnte. Alles im Vorfeld zu durchdenken. Sich auf irgendeinen Supergau vorbereiten. Auf jede mögliche Frage eine sprachgeregelte Antwort parat haben – das ist nicht möglich! Wer glaubt, sich auf diese Weise Sicherheit zu erarbeiten, erliegt einer Illusion, denn: „Alle wichtigen Entscheidungen müssen auf der Basis lückenhafter Daten getroffen werden.“ (M. Leky in „Die Herrenausstatterin“)

Der Supergau ist nicht das Problem

Develovers – das ist ein Kofferwort aus „Developer“ und „Love“.

In der vergangenen Woche habe ich an einem Workshop teilgenommen. Die YAM-Develovers kamen zusammen, eine Community im You and me (auch „YAM“, das ist das Intranet der Deutschen Telekom). Die Mitglieder eint ein gewisses Sachverständnis in Sachen Entwicklung und Programmierung sowie die Bereitschaft, dieses Wissen freiwillig und in ihrer Freizeit in den Dienst der Telekom zu stellen, am YAM zu arbeiten und es mit neuen Features zu versehen. Der Workshop widmete sich der Fragestellung, was dieser Community noch fehlt, um ihre Arbeit aufnehmen zu können. Also: „Was brauchen die YAM-Develovers, um loszulegen?”

Am Ende des Workshops saßen wir vor einer Wand, an der nebeneinander über 30 beschriftete Zettel klebten: Wir hatten den Prozess aufgemalt, den Features und Develovers während der Entwicklung durchlaufen sollen/müssen/können und die Rollen innerhalb des Prozesses definiert. In der Retrospektive frustriert mich das. Ich glaube einfach nicht, dass die Antwort auf die Frage „Was brauchen die YAM-Develovers, um loszulegen?” lautet: „Einen ordentlichen Prozess und klar definierte Rollen.”

Der Weg ist nicht das Ziel

Der Workshop hat mir gezeigt, wie viel Aufmerksamkeit ich dem Weg schenke. Und wie wenig dem Ziel. Das passiert mir sehr häufig. Wir hatten vergangene Woche einen ganzen Tag lang Zeit, um an einer gemeinsamen Vision zu arbeiten. Für die pathetischen unter uns: Wir hätten überlegen können, wo die Reise hingehen soll. Allen Lust auf den gemeinsamen Trip machen. Jeden dazu animieren, den Koffer zu packen und aufzubrechen. Stattdessen haben wir Wege planiert, Straßenschilder platziert und Verkehrsregeln aufgestellt. Und das, obwohl wir noch nicht mal entschieden haben, ob wir fliegen, fahren oder laufen wollen. Und wohin überhaupt?!

„Ich möchte Klavier spielen wie Keith Jarrett.” – „Übst du denn viel?” – „Nein, ich hab gar kein Klavier.”

Wir vergleichen uns so gern mit denen, die „es geschafft” haben. „Ich möchte Klavier spielen wie Keith Jarrett.” – „Übst du denn viel?” – „Nein, ich hab gar kein Klavier.” Hier sind wir uns schnell einig: Sorry, das wird nichts. Das kann nichts werden. Wenn wir aber von Disruption träumend in Richtung Silicon Valley schauen, während wir in einem Workshop für die YAM-Develovers an einem geregelten Prozess für die Entwicklung von Features arbeiten, verhalten wir uns genauso wie unser musikalischer Freund. Auch hier müssten sich alle einig sein: Sorry, das wird nichts. Das kann nichts werden. Nun ja, zumindest in der Retrospektive kann ich das so sehen. In der vergangenen Woche fand ich unser Vorgehen nachvollziehbar.

Die Ergebnisse der Champions sind nicht der Maßstab

Get over it.

Natürlich ist es einfacher, sich Disruption auf die Fahne zu schreiben, wenn man Startup oder Gründer ist und (noch) nichts zu verlieren hat. Wenn man Anbieter einer Plattform ist, die flexibel auf Veränderungen im Markt reagieren und diese sogar anstoßen kann. Wenn das ganze Geschäftsmodell von Anfang an digital war und ist. Aber warum vergleichen wir uns auch ausgerechnet mit denen?! Und wenn wir schon Erfolge wie die Global Player einfahren wollen, wieso schauen wir immer nur auf deren Ergebnisse? Wir sollten uns vielmehr an ihren Denk- und Arbeitsweisen orientieren. Denn da kommen deren Erfolge her.

Das Wesen der Digitalisierung ist Revolution und schöpferische Zerstörung, das Mantra lautet „mitmachen oder sterben“. Das klingt radikal und das ist es auch. Wem das zu weit geht, der sollte sich andere Vorbilder suchen. Die sollten aber trotzdem unbedingt im Digitalbereich gefunden werden. Denn die Digitalisierung ist nicht die Zukunft, sie ist die Gegenwart. Und wir können nicht mehr in die Industrialisierung zurückkehren. Jede Anstrengung in diese Richtung, jede Orientierung nach hinten ist vergeudete Energie. Die Digitalisierung ist auch keine Bedrohung, sie ist Realität. Darum sollten wir das Beste daraus machen. Dabei ist es ist völlig ok, das eigene Tempo zu fahren, hin und wieder anzuhalten und ab und zu einmal eine Abzweigung zu nehmen. Einzig die Richtung ist wichtig.

Der Workshop war nicht umsonst

Der Prozess ist nicht das, was den YAM-Develovers fehlt, um loszulegen – er ist das, was sie am Loslegen hindert.

Was heißt das jetzt für die YAM-Develovers? Die Community steht noch ganz am Anfang. Und seien wir ehrlich: Wir alle sind Anfänger in Sachen Digitalisierung. Das YAM bietet uns allen die Chance, wirklich etwas zu lernen. Der Workshop war wichtig. Es war gut, sich mit dem Entwicklungsprozess zu beschäftigen. Über Rollen in Projekten zu diskutieren. Kunden, Auftraggeber und Auftragnehmer zu benennen. Es war genau richtig – wenn wir uns heute sagen, dass wir uns diese Themen vor Augen führen mussten. Weil wir jetzt wissen, was wir über Bord werfen müssen, um loslegen zu können. Der Prozess ist nicht das, was den YAM-Develovers fehlt, um loszulegen. Er ist das, was sie am Loslegen hindert.

Ich würde mich hier im ganz Kleinen gern an den ganz Großen orientieren. Lasst uns den YAM-Develovers eine Plattform zur Verfügung stellen. Lasst uns für die notwendige Infrastruktur sorgen. Lasst uns ein Ziel aufmalen, das viele dazu einlädt, vorbeizukommen und ihren Teil beizutragen. Lasst die YAM-Develovers nur ein Beispiel für ganz viele Communities und revolutionäre Zellen im YAM sein. Und dann: Lasst uns zurücklehnen und dabei zuschauen, wie durch schöpferische Zerstörung fast von alleine ganz wunderbare Dinge entstehen.

Zur Info: Dieser Blog-Beitrag entstand nach einem Telekom internen Workshop. Ich habe ihn zunächst im Telekom Intranet, dem „You and me“ (YAM) veröffentlicht.